Samstag
6. Feb 2010  
Schublade: Fakten
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This Nation’s Falling Grace #3: Helene Hegemann

Feuilletonisten sind wie Hunde. Nicht wie die großen, gefährlichen Bluthunde, die sich in eine Sache verbeißen und erst loslassen, wenn die Beute erlegt ist, der Text geschrieben ist. Nein, Feuilletonisten erinnern zumeist eher an die kleinen Schoßhunde, die sich regelmäßig auf diese quietschenden Spielzeuge stürzen und diese nicht in einem Male zu erlegen, sondern solange darauf rumkauen, bis ein neues Objekt das Interesse weckt. Das zu kauende Objekt der letzten Wochen nennt sich Axolotl Roadkill, ist der Debütroman der 17-jährigen Berlinerin Helene Hegemann und wird von den Feuilletonisten die Schönhauser Allee rauf und runter rezensiert.

Geradezu unheimlich wirkt die Euphorie, mit der sich die Kritiker auf die junge Autorin stürzen: die ZEIT widmet ihr gleich drei Artikel binnen zwei Wochen, nennt sie einen “literarischen Kugelblitz”, für den Spiegel betitelt sie Tobias Rapp als “Wunderkind der Boheme” und auch die sonst oft reservierte FAZ sieht in Axolotl Roadkill den einzig wahren “Coming-of-age-Roman der Nullerjahre”. Viel Konsens, noch mehr Worthülsen. Nur wenige äußern sich so kritisch wie Simone Meier in der Baseler Zeitung, die dabei die Gegenstimmen, die sich vor allem bei den Rezipienten und diversen Kommentaren finden, auf den Punkt bringt. Immerhin, wenn ein literarisches Debüt solch eine Diskussion anregt, ist das zunächst erfreulich, schließlich kann das kreuzbiedere deutsche Verlagswesen davon nur profitieren. Weniger erfreulich ist allerdings, wenn der Diskurs vor allem zwei Aspekten entspringt, die zunächst nur am Rande mit der tatsächlichen schriftstellerische Begabung zu tun haben.

Drogen, Sex und Ausbruchsphantasien

Denn was vor allem in den Feuilletons breit geklopft wird, ist die Biographie der Autorin, die sich verkürzt wie folgt liest: Hegemann wächst bei ihrer Mutter in Bochum auf, bevor diese verstirbt und Helene mit 13 Jahren zu ihrem Vater nach Berlin zieht. Hier schwänzt sie zumeist die Schule, kommt in Kontakt mit der Theaterszene, gibt mit 15 ihr Regie-Debüt mit Torpedo und ist seitdem ein bekannter Name der Berliner Nachwuchsboheme. Eine solche Biographie ist natürlich ein gefundenes Spielzeug für die Feuilleton-Hündchen, und so scheuen sich die Rezensenten auch nicht, die Autorin mit der Erzählerin des Romans immer wieder implizit gleichzusetzen: das schwierige Verhältnis zur Mutter, die frühe Erfahrung mit dem Tod, der intellektuelle Vater – Parallelen zwischen Hegemanns Biographie und der ihrer Hauptfigur Mifti, einer 16-jährigen Rebellin, die nicht nur durch Affären und Drogenexzesse, sondern auch durch altkluge Phrasendrescherei auffällt, sind nicht von der Hand zu weisen. Was dagegen nur beiläufig erwähnt oder heruntergespielt wird, ist die Beziehung von Hegemann zu ihrem Vater Carl, seines Zeichens ehemaliger Chefdramaturg der Berliner Volksbühne. Dass Hegemann nur über ihn überhaupt mit dem Theater in Verbindung kam, und er sich durch seine Beziehungen mutmaßlich für Hegemanns Regiedebüt mit 15 Jahren verantwortlich zeigt, wird zumeist außer Acht gelassen. Verständlich, ein Wunderkind entsteht nicht auf den Flügeln des Papas, sondern hat vor allem eines: Eigentalent.

Dieses Talent wird in den erwähnten Kritiken vor allem mit Hegemanns eigener Erzähltechnik gleichgesetzt. Bizarrerweise ist diese aber gar nicht so wirklich vorhanden. Tobias Rapp fragt sich im SPIEGEL, “wie das Buch seinen Weg zu einem Publikumsverlag wie Ullstein gefunden hat”, und liefert die Antwort gleich nach: “Nicht weil es von Drogen, Sex und Ausbruchsphantasien handelt – das sind Themen, die sich mit einer 17-jährigen Autorin immer gut vermarkten lassen. “Axolotl Roadkill” ist radikal, sperrig, unfertig und streckenweise schlicht unlesbar.” Nahe an der Unlesbarkeit ist auch der vor Assoziationen und Dissoziationen sprühende Text von Ursula März in der ZEIT, die in dem Roman gar eine “hemmungslose, halluzinatorische Entladung eines traumatisierten Bewusstseins” lesen möchte, und ihn schließlich als “Grundgeräusch unserer Gegenwart” bezeichnet. Man darf sich zu Recht fragen, ob Frau März einfach nur schlecht hört, oder in einer anderen Gegenwart lebt – meine Gegenwart lässt sich jedenfalls weder mit Hegemanns rotzigem Pubertäts-Jargon noch Drogen- und Sexthematik beschreiben.

Ihre Kollegin Jana Simon fasst es etwas besser zusammen: “Es ist dieser Regelbruch, der Erwachsene fasziniert. Weil Hegemann ihn geschickt einsetzt und weil es sich in unserer genormten Wirklichkeit so selten jemand traut.” In anderen Worten: Hegemann schreibt gänzlich ohne Struktur und wie ihr der vorlaute Schnabel gewachsen ist und leitet damit – der Meinung der Rezensenten jedenfalls – nebenbei eine neue Ära des deutschen Romans ein. Die Frage, ob es sich hier nun um die “Gewalt der Sprache” oder nicht doch eher Gewalt an Sprache handelt, oder ob man wirklich mehr solcher Bücher braucht ist jedem selbst überlassen – die Feuilletonisten hat Hegemann offensichtlich bereits dressiert, die Rezipienten bleiben wie immer unentschieden.

Paraphrasendrescherei

An dieser Stelle könnte man eigentlich aufhören. Man könnte sich zurücklehnen und der Presse zuschauen, wie sie langsam das Interesse verliert. Man kennt sie ja, den “Sagan-Effekt“, diese Wunderkind-Parabeln: auch Benjamin Leberts Debüt Crazy wurde noch in den Himmel gelobt, der Nachfolger hatte dann außer der “Erfolgsstory” des Autors dahinter erstaunlich wenig zu bieten. Man könnte sich also der Diskussion entziehen, wenn sich nicht aktuell ein weiterer, gänzlich unerwarteter Aspekt aufgetan hätte, der den Diskurs in eine gänzlich andere Richtung lenken könnte: es geht um mögliches Plagiat von Seiten Hegemanns. Deef Pirmasens, Autor des Blogs Gefühlskonserve hat zwischen Hegemanns Roman und einem anderen, der aus thematisch ganz ähnlicher Ecke kommt, nämlich Strobo des Berliner Bloggers Airen (veröffentlich 2009) frappierende Gemeinsamkeiten festgestellt, die weit über bloße Inspiration hinausgehen. Hier seien nur zwei von diversen Textstellen, die Deef vergleicht angeführt:

“»Wir unterhalten uns gerade über Bisexualität!«, moderiere ich schwerstelgant zu ihr hinüber.” (Axolotl Roadkill, S. 136)

“»Wir reden gerade über Bisexualität«, moderiere ich mich zu Jan rüber,…” (Strobo, S.99)

“Anstatt mir zu antworten, wickelt sie die Plastikfolie ab. Schlussendlich liegt auf dem Mahagonitisch eine Messerspitze bräunlichen Pulvers, das wie Instanttee aussieht und nach einer Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig riecht.” (Axolotl Roadkill, S. 80)

“Schicht um Schicht wickle ich die Plastikfolie ab, bis in der Mitte eine gute Messerspitze bräunlichen Pulvers zum Vorschein kommt. Sieht in etwa so aus wie Instant-Tee und riecht säuerlich, wie eine Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig. Diacetylmorphin.” (Strobo, S. 65)

Nun ist es gerade in der heutigen Zeit häufig eine dünne Linie zwischen Plagiat und Zitat, zwischen Inspiration, Transformation und Kreation. Ich möchte an dieser Stelle der Autorin nichts unterstellen, finde die zitierten Passagen allerdings sehr auffällig (gerade das Verb “moderieren” ist im Kontext der ersten Textstelle ein höchst markiertes Wort, und auch die gleiche Wortwahl im zweiten Beispiel lässt hier doch sehr am Zufall zweifeln). Auffällig auch deshalb, weil Airen zwar in den Danksagungen des Romans erwähnt wird (Hegemann demnach mit dem Roman vertraut war), allerdings erst ab einer späteren Auflage, wenn man den Kommentaren drüben bei Deef glauben darf. Zudem sind die erwähnten Textstellen nicht wie andere Zitate als eben solche markiert sind, sondern enthalten als Paraphrasen keinerlei Hinweis auf etwaige Quellen. Dem Leser bleibt daher nichts übrig, als hier von der eigenen Kreativleistung der Autorin auszugehen – eine Leistung, die bei einer direkten Kopie bzw. Paraphrase, ob bewusst oder unbewusst, wohl kaum gegeben ist.

Deja-vu: Der Fall Viswanathan

Zum Vergleich und der möglichen Einordnung in einen größeren Kontext sei an dieser Stelle ein weiteres Beispiel angeführt: der Fall der Amerikanerin Kaavya Viswanathan aus dem Jahre 2006. Auch Viswanathan hatte jung einen Roman geschrieben: gerade einmal 18 war sie, als ihr Debüt How Opal Mehta Got Kissed, Got Wild, and Got a Life verfasste. Und auch wenn Viswanathans Debüt bei weitem keine so positiven Rezensionen hervorrief und thematisch kaum unterschiedlicher von Axolotl Roadkill sein könnte, gab es auch hier auffällige Gemeinsamkeiten mit anderen Werken, allen voran zwei Romane von Megan McCafferty. Auch hier gibt es eine ganze Reihe von Formulierungen, die in ihrer syntaktisch-lexikalischen Ähnlichkeit mit den oben genannten von Hegemann/Airen vergleichbar sind:

“Moneypenny was the brainy female character. Yet another example of how every girl had to be one or the other: smart or pretty. I had long resigned myself to category one, and as long as it got me to Harvard, I was happy.” (Opal Mehta, S. 39)

“Sabrina was the brainy Angel. Yet another example of how every girl had to be one or the other: Pretty or smart. Guess which one I got. You’ll see where it’s gotten me.” (Sloppy Firsts, S.6)

Auch hier stellte sich unweigerlich die Frage: Plagiat oder nicht? Viswanathan hatte sich in Anbetracht der Vorwürfe auf ihr fotografisches Gedächtnis bezogen, und, mit Rückendeckung ihres Verlages Little/Brown versichert, die Passagen komplett unbewusst verarbeitet zu haben. Geholfen hat es der Autorin nicht: es dauerte nur wenige Tage, bis noch mehr Bezüge zu anderen Texten und Autoren aufgedeckt wurden, sodass sich die Verleger gezwungen sahen, den Roman schließlich aus dem Programm zu nehmen. Für Viswanathan bedeutete dies ein vorrübergehendes Ende der jungen Schriftstellerkarriere.

Kopie und Remix

Bei Hegemann könnte die Sache dagegen ganz anders ausgehen, sollte sich denn der Verdacht erhärten, dass es sich in der Tat um Plagiat handelt. So könnte man argumentieren, dass schon die bereits erwähnte Erzähltechnik von einer gewissen Intertextualität lebt; Hegemann lässt Zitate einfließen, kokettiert ganz ungeniert mit den Referenzen auf andere Autoren und erschafft somit eine Montage, die jegliche Orientierungspunkte vermissen lässt und genau dadurch das chaotische Leben der Erzählerin wiedergibt. Axolotl Roadkill wird somit zur literarischen Allegorie der Remix-Kultur, die gerade im Schatten von Copyright und Sampling-Debatte zunehmend populär wird. Einzig: ein Freischein für das offensichtliche Kopieren ganzer Motive und Formulierungen kann auch das nicht sein. Selbst wenn Hegemann in ihrem Buch eine Danksagung an Airen ausspricht, und sich laut dem Pressetext von Ullstein “an allem bedient” um ihre Suppe zu würzen, ist dies kein Argument dafür, sich mit den Worten anderer zu schmücken. Ein Buch darf sich (und muss sich womöglich sogar) natürlich auf andere Werke beziehen, es kann Motive und Thematiken aufgreifen und transformieren, satirisieren und stilisieren. Und wenn eine junge, ambitionierte Schreiberin nun ihre Einflüsse aktiv in ihren Text einarbeitet ist das durchaus legitim, unter Umständen sogar überaus spannend. Eine Verbatim-Kopie einzelner Stellen tut jedoch nichts von alledem, vor allem nicht, wenn dies wiederholt geschieht und sich das Werk insgesamt in einem ähnlichen thematischen Rahmen bewegt; hier wird der Remix schnell zum Rip-Off, der hochgelobte Stil der Autorin zur bloßen Kopie. Ganz abgesehen davon, dass sich dies kein gutes Licht auf die Professionalität und das Talent der jungen Autorin wirft: eine Schriftstellerkarriere unter Vorwürfen zu starten, das kann auch nicht im Sinne der Feuilletonisten sein. Und was in Sachen Remix häufig vergessen wird: von einem Remix profitieren im Sinne des Wortes beide Seiten, da der Remix als solcher explizit markiert ist; der Remix ist transparent! Dies ist hier nicht der Fall, und deswegen taucht bis dato auch nur ein Name in den Feuilletons auf: Helene Hegemann, 17 Jahre. Dass nun möglicherweise auch der Name des unbekannten Airen ins Rampenlicht gerückt wird dürfte lediglich ein schwacher Trost sein.

Die weitere Entwicklung wird nun vor allem von den Stellungnahmen der Autorin und des Verlags, sowie etwaigen Forderungen von Seiten Airens und des kleinen SuKuLTuR Verlags abhängen, falls diese sich überhaupt auf eine Konfrontation einlassen wollen. Man wird sehen, ob hier ein zweiter Fall Viswanathan entsteht, oder ob die Sache nicht ganz anders ausgeht: vielleicht ist Hegemann ja mit Airen befreundet und hat ganz einfach die Erlaubnis bekommen, einige Stellen zu übernehmen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man nur mutmaßen, auch wieso es Ullstein versäumt hat, die Danksagung an Airen schon in der ersten Edition zu drucken.

Eines ist jedenfalls sicher: die Vorwürfe werden die Diskussion um Axolotl Roadkill weiter anheizen und die Leserschaft weiter spalten. Interessant dürfte auch zu sehen sein, wie die hechelnden Feuilletonisten reagieren, wenn sich noch mehr Bezüge zu anderen Werken herausfinden lassen, die ebenfalls nicht gekennzeichnet sind – dann wird aus dem Wunderkind der Boheme vielleicht schneller als erwartet die Flickennäherin des Prenzlauer Berg. Und noch ein Zitat von Siv Bublitz, Verlegerin von Ullstein zum Schluss: “Sie schreibt ganz anders als alle, die ich in letzter Zeit gelesen habe.” Hätten Sie mal besser aufgepasst im letzten Jahr, Frau Bublitz. Aber ein unbekannter Blogger lässt sich schließlich schlechter vermarkten als ein 17-jähriges Talent.

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Update 7.2.10

Überraschend schnell haben Ullstein und Frau Hegemann Stellung zu den Vorwürfen bezogen. Auf buchmarkt.de gibt es die vollständige Stellungnahme, hier nur zwei Zitate daraus:

Ullstein: Natürlich haben wir Helene Hegemann vor Drucklegung ihres Buches gefragt, ob sie Quellen oder Zitate verwendet hat. Sie verwies lediglich auf ein Zitat von David Foster Wallace, für das wir eine Abdruckgenehmigung eingeholt haben. Offenkundig hat sie die Tragweite dieser Frage unterschätzt und ist auf Quellen und Zitate aus dem Netz – wie etwa den Blog von Airen – nicht eingegangen. Über die Verantwortung einer jungen, begabten Autorin, die mit der “sharing”-Kultur des Internets aufgewachsen ist, mag man streiten. Die Position des Ullstein Verlages ist eindeutig: Quellen müssen genannt und ihre Verwendung muß vom Urheber genehmigt werden. Wir haben uns bereits an den SuKuLTuR Verlag gewandt, um diese Genehmigung nachträglich zu erlangen.

Hegemann: Das sind diese Plagiatsvorwürfe – also wie das juristisch ist, weiß ich leider nicht so genau. Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf, was vielleicht daran liegt, dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. [...] Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation. [...]

Ich lass das mal unkommentiert so stehen, auch wenn die ausweichende Erklärung seitens der jungen Autorin sicherlich genug Grund für weitere Kommentare bietet. Dass ihre Umgebung sie beeinflusst ist verständlich, auch dass sie sich auf andere Texte beruft hat keiner verurteilt – inwiefern aber nun die direkte Kopie eines gewöhnlichen Satzes die Autorin “prägt” oder in ihrer Absicht “weiterbringt” sei dahingestellt. Letztendlich ist die Stellungnahme aber doch so ausgefallen, wie erwartet: Ullstein entschuldigt sich für Schlamperei und will nun nachbessern, Hegemann weist die Verantwortung von sich, findet das alles “total legitim” und sieht ihr Buch nur als Ergebnis der Kultur, in der sie aufgewachsen ist. Nun gut, ob das so ist muss jeder für sich nach der Lektüre selbst urteilen, und auch darüber, ob der Roman wirklich in den “must read” Kanon der letzten Dekade aufgenommen werden sollte. Es darf allerdings erwartet werden, dass Hegemann in ihrem nächsten Buch nicht mehr so leicht damit wegkommen wird, und früher oder später auch eine dezidiert eigene Stimme entwickeln muss. Denn auf die Rückendeckung und den Welpenschutz des Feuilletons kann sie sich dann nicht mehr nicht uneingeschränkt verlassen.

Update 9.2.10

Einige neue Stimmen von Seiten der Presse: FAZ (1), FAZ (2), SpOn (1), SpOn (2), ZEIT, NZZ, Frankfurter Rundschau, taz, Sueddeutsche. Damit reicht es jetzt aber auch.

13 Kommentare

  1. Thomas:

    vielen Dank für den wunderbar ausführlichen und differenzierten Artikel. Bitte mehr davon.
    Ansonsten hoffe ich, dass der jungen Frau Hegemann die schamesröte ins Gesicht steigt.
    Dem Literaturbetrieb hat sie mit ihrem Buch mal wieder schön den Spiegel vors Gesicht gehalten.
    Hoffentlich erfährt Airen mit STROBO endlich die Anerkennung, die H.Hegemann von ihm abgezogen hat.
    Mal sehen wie Papa Hegemann das wieder gradebiegen wird. Er wird bestimmt eine dramatische Erklärung dafür finden, warum sein Realschule-Abrecher Schützling trotzdem ein Genie ist.
    Beste Grüße, Thomas.

    (6.2.2010, 20:39)
  2. Axolotl Roadkill: Alles nur geklaut? | Die Gefühlskonserve:

    [...] Kommentar zum Thema in diesem Forum. Update 6.02.2010: Sehr aufschlussreicher Artikel bei Leben im Zitat: “Interessant dürfte auch zu sehen sein, wie die hechelnden Feuilletonisten reagieren, [...]

    (6.2.2010, 20:59)
  3. GrandCru:

    Danke. Das ist differenziert und abwägend und bringt allmählich das eigentliche Problem ins Licht: Wie die Herde der deutschen Literaturkritiker zwar gut schwallen kann, sich aber eigentlich so unsicher ist über ihre eigenen Maßstäbe und Geschmacksurteile, dass einer auf den anderen guckt und wenn der erste nickt, und zumal wenn die FAZ nickt, dann nicken alle. Da denkt keiner mehr nach. Dann ist die unglaubliche Unbeholfenheit im sprachlichen Ausdruck auf einem “ein völlig neuer Ton” und beim Anblick dieser armen Kidults gruselt es den Kritikern so wohlig. Und dann: Das Buch ist offenbar nichts von dem, was ihm nachgesagt wird, am allerweingisten “erlebt”, “authentisch” und sprachlich weiterführend. Dass fast keiner der professionellen Literaturkritiker anderer Meinung ist und keiner etwas davon wissen möchte, dass von solchen Amateurtexten in Neukölln etc in den romanischen Cafés vormittags Hunderte, wenn nicht Taussende geschrieben werden, das ist das Blamable und Ärgerliche. Ob man der “Autorin” einen Vorwurf machen sollte? Ich würde sagen, mit 17 ist sie noch nicht strafmündig. Auf ihr würde ich gar nicht herumhacken. Aber dieses Herdenverhalten der Literaturkritik, das ist so kotzerbärmlich und geistig armseelig, dass es einen fast schon anwidert. Die meisten von denen wüssten gar nicht, was sie gut finden, wenn es ihnen die Verlage nicht mit ihren PR-Geschichten nahe bringen würden.

    (6.2.2010, 21:20)
  4. Spaghettimonster:

    Ich finde die Hetze gegen Hegemann, die nun auf verschiedenen Blogs veranstaltet wird, nicht weniger peinlich als den Hype der Feuilletonisten. Nach einem dutzend textlichen Übereinstimmungen von einem Plagiat zu sprechen, zeugt vor allem von einem verkürzten Literaturverständnis:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13498191.html

    Kommt noch die Tatsache hinzu, dass das Buch über 200 Seiten umfasst, in der Danksagung Autoren erwähnt werden und innerhalb des Textes verschiedentlich Hinweise auf den “Diebstahl” eingestreut sind. Letztlich frage ich mich, was hinter dem teils glühenden Eifer steckt, mit dem man Hegemann des Plagiatismus überführen möchte.

    (7.2.2010, 11:06)
  5. admin:

    Ich hab den Fall von Kaavya Viswanathan angeführt, um einen möglichen Vergleich zu liefern. Hier hatte der Roman um die 300 Seiten und es wurden am Ende mehr als 50 Übereinstimmungen gefunden, das heißt auf ca. jeder sechsten Seite wurde etwas von anderen Autoren übernommen. Ist das viel? Ich weiß es nicht, würde vielleicht aber eher zu ja tendieren. Bei Hegemann ist man noch nicht so weit, allerdings könnte (man bemerke das Konjunktiv) auch hier ja noch etwas folgen. Wie ich schon im Artikel erwähnt habe, ein lapidarer Hinweis, dass hier ja vielleicht was geklaut wurde, kann es einfach nicht sein, dann würden wir in Zukunft überhaupt keine Quellenangaben mehr brauchen und sich über das Verfahren entschuldigen. Das wäre vielleicht schön für alle, die gegen das Urheberrecht sind, aber weniger schön für die Personen, von denen kopiert wurde. Denn, und auch das wird erwähnt, nicht das Buch Strobo ist im Buchhandel vergriffen, sondern nur Axolotol Roadkill, und nicht der kleine SuKultur Verlag verdient daran, sondern Ullstein. Nochmal: sollte es sich hier nur um eine handvoll Sätze handeln, nun gut, dann kann man vielleicht von eine unglücklichen Situation sprechen und meinen, dass Hegemann hier nur etwas unnachsichtig gearbeitet hat. Taucht dagegen noch mehr auf, wird es m.E. prekär.

    Mir geht es nicht um Hetze gegen Hegemann, ich glaube das macht der Artikel auch nicht, sondern vor allem um das, was GrandCru einen Kommentar weiter oben so schön beschreibt: wie Feuilletonisten immer mehr sensationalistisch arbeiten und sich wie junge Hunde auf jedes neue Spielzeug stürzen. Ich verlange nicht, dass man Hegemann des Plagiats überführt, hoffe aber mindestens auf eine Stellungnahme des Verlags. Dann kann man immer noch entscheiden, ob es sich im jugendlichen Übereifer handelt, vielleicht auch auf falsche Beratung zurückzuführen ist, oder möglicherweise doch alles wieder relativiert wird.

    PS: Der Artikel von Karasek zum Fall Kempowski ist vor zwanzig Jahren erschienen. Ich lass es mal dahingestellt, ob er auf unsere jetzige Situation noch wirlich übertragbar ist. The times they are a-changin.

    Edit: Inzwischen haben sich sowohl Ullstein als auch Hegemann zur “Kopie” bekannt (s.o.)

    (7.2.2010, 12:13)
  6. René:

    Was mich entsetzt: Dass eine Autorin bei einem Autor abschreibt, dass ein großer Publikumsverlag aus ganz bestimmten Gründen das Buch dieser Autorin verlegt (weil: mit ein bisschen Glück verkauft sich das selbst – 17! Drogen! Kulturmafia! etc.) und das Buch des anderen Autors eher so gar nicht läuft (ich möchte auch nicht wissen, wie dessen Vertrag bei Sukultur aussieht bzw ob er überhaupt einen hat) und es am Ende DIE BÖSEN FEUILLETONISTEN sind, die hier in der vermeintlichen Gegenöffentlichkeit am meisten angekackt werden. Leute, es gehört zum Betrieb, dass die Bücher besprochen werden, die höhere Reichweiten haben, der Resonanzraum ergibt sich gewissermaßen von selbst, und wer lesen kann, kann sehen, dass es nicht nur positive, sondern auch durchaus kritische Rezensionen gab – wie die im SPIEGEL und in der Baseler Zeitung. Und am Ende werden die Bücher auch nicht (allein) von den Feuilletons gekauft.

    (7.2.2010, 21:49)
  7. Joachim:

    Das Bücher besprochen werden ist natürlich ganz normal und erfreulich, wenn sich die Kritiker, bis auf wirklich wenige Ausnahmen (ich habe lange nicht mehr so einen Einklang gesehen) nicht aus den gleichen Gründen auf ein Werk stürzen würden wie ein Verlag (ich zitiere: 17! Drogen! Kulturmafia!). Und jeder ein Stück vom Kuchen haben möchte, und jeder eine Reportage machen muss, in der Frau Hegemann eine Zigarette (wie rebellisch!) raucht, und dann, und das ist der Knackpunkt, hinter dem ganzen noch die literarische Auferstehung Christi sehen wollen, während ganz ähnliche Texte von Autoren mit einer “weniger interessanten” Biografie unter den Tisch gekehrt werden. DAS ist die Kritik, die den Feuilletonisten, jedenfalls in diesem Fall, entgegenbläst denke ich. Denn auch ich habe wirklich lange nicht mehr, durch die Bank durch, so einen sensationslüsternen, interpretativen Mumpitz gelesen wie in einigen der hier angeführten Artikel.

    (7.2.2010, 22:15)
  8. airen_heisst_lover:

    Hegemann hat plagiiert, das steht wohl außer Frage. Trotzdem überzeugen mich die im Blog von Deef Pirmasens angeführten Beispiele nicht davon, dass alles Lob ihrer Sprache falsch war. Man vergleiche
    “Als alles verdampft ist und nur noch eine schmutzige Spur auf der Alufolie übrig bleibt, gehe ich ins Bad und begutachte meine Pupillen.” (Airen)
    mit
    bis nur noch irgendwas ganz Schmutziges, Kleines, Böses zurückbleibt und sie mich fragt: »Und, wie sehen meine Pupillen jetzt aus? (Axolotl)
    Das ist schon eine andere Stufe.

    (9.2.2010, 09:21)
  9. literaturunkritiker:

    @airen_heisst_lover: wo soll denn da bitteschön die andere stufe sein?
    airen: direkt, prägnant.
    axolotl: geschwurbelt.

    (9.2.2010, 11:20)
  10. helga peymann:

    hallo welt, hier ist mein neuestes gedicht, mein vater meint, es sei voll toll:
    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es zweitausend Stäbe gäbe
    und hinter zweitausend Stäben keine Welt.
    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Dance von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein megagroßer Wille steht.
    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich stumm und still auf -. Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder stressige Stille –
    und hört im Herzen auf zu sein.

    (9.2.2010, 17:45)
  11. wahrscheinlich:

    danke für den ausführlichen artikel!

    @ airen_heisst_lover: ich sehe nicht wirklich einen frappierenden unterschied zwischen hegemann und airens sprache; es ist im gegenteil die ähnlichkeit von kopie und original, die auffällt…

    (9.2.2010, 23:07)
  12. günter opitz-ohlsen:

    Mein Leben als Wachkomapatient

    In seinem Buch „Gödel, Escher, Bach“ untersucht Douglas R. Hofstädter die etwas langweilige Frage, ob Maschinen intelligent sein können. Die neueste Entwicklung auf dem Gebiet der Jugendliteratur lässt mich eher zu der Überzeugung kommen, dass dies niemals der Fall sein wird. Was heute so hochgelobt wird, ist als Methode schon für einfache Maschinen geeignet, Literatur „vom Feinsten“ auf den Markt zu bringen. Also – warum sich noch die Mühe machen, bei anderen abzuschreiben?
    Unser Zeit hat das nicht mehr nötig! Schon lange sind Computerprogramme auf dem Markt, die von Geheimdiensten – private Firmen sollen dies inzwischen auch schon tun – sehr effizient genutzt werden, um Telefongespräche und Emails nach beliebigen Kategorien zu kontrollieren. Früher haben diese Form von Endkontrolle Menschen gemacht, die Telefone abgehört oder heimlich Briefumschläge geöffnet haben, um hinter Geheimnisse zu kommen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.
    Heute könnte ich mir vorstellen, dass etwa die Firma Google mit derartigen Programmen für alle User einen neuartigen Service zur Verfügung stellte nach dem Motto: Mach dein eigenes Buch! Gib das Thema ein, die gewünschte Literaturform und den Umfang des Werkes. Eigene Erfahrungen sind bei diesem Verfahren nebensächlich. Danach wird „LitGoo“ für dich das ganze Internet nach Versatzstücken durchsuchen, die zu deinen Eingaben passen. Die Zitate werden in zufälliger oder sinnfälliger Form zusammengeklebt und per Kopierprogramm zu einem kompletten Buch zusammengestellt. Dieses Produkt kannst du getrost den Lektoren großer Publikumsverlage vorlegen, damit diese dich für den Leipziger Buchpreis vorschlagen können.

    (12.2.2010, 14:02)
  13. admin:

    @günter opitz-ohlsen: Das mag sein, die technischen Möglichkeiten sind sicher vorhanden, und gerade auch im Hinblick auf Sprache (gerade auf die Fähigkeit von KIs, gewisse Sätze und Sinnzusammenhänge zu erkennen) wird sich noch einiges entwickeln. Allerdings bleibt da die Frage: wird das wirklich gelesen? Möchte man das lesen, wenn man sowieso per Google die Herkunft herausfinden kann? Oder wird nicht gerade deswegen einem “Original” wieder ein größerer Stellenwert beigemessen?

    (12.2.2010, 23:12)